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Praxis Das Nordseeklima... ein naturgegebener Gesundheitspool
· geographische Lage der Nordsee und der Insel Borkum · Reisen in das nördliche Seeklima · klimatische Bedingungen
2. Indikationen für einen Aufenthalt im Hochseeklima und deren natürliche Therapie · Krankheiten der Bronchien und der Lunge · Erkrankung der Nase, des Rachenraums und der Nebenhöhlen · Allergien der Atemwege · Hauterkrankungen · Frauenkrankheiten · Kinderkrankheiten · Schilddrüsenerkrankungen · vegetative Dystonie
3. Überblick der Wirkungsweise der balneophysikalischen Therapie
4. Indikationen und Kontraindikationen für einen Aufenthalt im Hochseeklima
Geographische Lage der Nordsee und der Insel Borkum
Deutschland wird begrenzt von den Alpen im Süden und der Nord-, beziehungsweise der Ostsee im Norden. Das norddeutsche Tiefland wurde von der Eiszeit geformt. Während die Ostseeküste meist sandig ist, hat die Nordseeküste fruchtbares Marschland. Früher sprach man bezüglich der Nordsee vom sogenannten ,,Deutschen Meer“, von den Engländern als ,,German Ocean“, von den Dänen als ,, Westsee“ bezeichnet. Die Nordsee ist ein Nebenmeer des Atlantik zwischen den Britischen Inseln und dem Europäischen Festland mit einer Oberfläche von ca. 580 000 km ². Sie nimmt als flaches Schelfmeer nach Norden an Tiefe hin zu, im Skagerrak bis zu 725 m; durchschnittlich ist die Nordsee 94 m tief. Die Nordsee hat eine starke Gezeitenströmung mit Tidenhüben bis über 2,5 m. Der Salzgehalt der Nordsee ist größer als derjenige der Ostsee und nimmt mit Tiefe von Norden nach Süden zu. Das Oberflächenmeerwasser hat im Mittel ein Salzgehalt von 3,4%. Infolge des vorherrschenden West-, Südwestwindes hat die Strömung gewöhnlich eine nordöstliche Richtung. Im westlichen Teil der Ostfriesischen Inseln liegt inmitten der südlichen Nordsee die Insel Borkum mit ihrem ausgeprägten Hochseeklima. Die etwa 31 km ² große Insel Borkum ist die westlichste der ostfriesische Inseln, liegt vor der Mündung der Ems und hat den Status eines Heilbades.
Reisen in das nördliche Seeklima
Reisen in den Norden beeinflussen in der Regel den sogenannten ,,Sympatikotonus“, der mit einer Steigerung des Stoffwechsels, mit einer Zunahme der Wärmeproduktion und einem geringfügigem Anstieg des Blutdruckes einhergeht. Diese Klimaumstellung führt stets zu einer gewissen Belastung des Körpers. Diese Umstellung kann sich, wenn man ihr Rechnung trägt, außerordentlich positiv auswirken und den erwünschten Erhohlungseffekt zusätzlich verstärken. Überfordert man jedoch den Körper während dieser Klimaumstellung, so kann sie sich auch äußerst negativ auswirken. Viele Urlauber beobachten bei sich in den ersten Tagen gesteigerte Nervosität, Herzklopfen und Kopfschmerzen; sie tun gut daran, anfangs ein natürliches Beruhigungsmittel auf pflanzlicher Basis einzunehmen wie zum Beispiel Baldrian.
Auf den Bluthochdruckkranken kann dieser einsetzender `Sympatikotonus`, der einer gesteigerten Stresssituation im vegetativen Nervensystem gleichkommt, eine nachteilige Wirkung ausüben, weil unter Umständen eine zusätzliche, nicht erwünschte Blutdrucksteigerung eintreten kann. Ferner kommt es häufig zu einer Reaktion des Körpers auf schnell durchziehende Tiefdruckgebiete, die sich in innerer Unruhe, Kopfschmerzen und Übelkeit äußert. Es bleibt jedoch festzustellen, daß die Umstellung des Organismus und die Anpassung an das Hochseereizklima bei vernünftigem, persönlichen Verhalten in der Regel nach 2 bis 4 Tagen vollzogen ist; so daß laut einer umfangreichen Statistik, durchgeführt von der Universität Düsseldorf unter der Leitung von Professor Dr. med. Schlippkötter, bei einer zweiwöchigen Reise auf eine Nordseeinsel im allgemeinen der gleiche Erhohlungswert erreicht wird, wie bei einer vierwöchigen Reise in das warme Mittelmeerklima.
Welche Monate bieten die ausgeglichensten klimatischen Bedingungen ?
Die Nordsee unterliegt in besonderem Maße den Wärmeeinflüssen des Golfstromes. Zusammen mit der unterschiedlich raschen Erwärmung des Meeres gegenüber dem Festland schafft der Golfstrom bis in Küstennähe ein einzigartig charakteristisches Meeresküstenklima, das den Nordseeinseln auch im Winter häufig ein wesentlich milderes, maritimes Klima im Gegensatz zu den kalten, kontinentalen Luftmassen beschert. Dieses gilt im besonderem Maße für die im südlichen Bereich liegenden Ostfriesischen Inseln. Dieses Phänomen ist in der winterlichen Jahreszeit gut zu beobachten, da, selbst bei sehr niedrigen Temperaturen auf dem Festland, auf den Inseln nur sehr selten arktische Temperaturwerte erreicht werden. Es gibt einige Gesetzmäßigkeiten im Wetter und Klima auf den Nordseeinseln, wie uns die Aufzeichnungen der letzten 25 Jahre gezeigt haben. Ende Dezember und Januar, meist in Verbindung mit Westwind, und oft mit schweren orkanartigen Stürmen, gelten als Hoch- und Spätwinter. Die Bewölkung nimmt von Januar bis Mitte Mai fast gleichmäßig ab. Häufig bleibt der ganze Monat Juni fast wolkenfrei, bis gegen Monatsende die Bewölkung wieder leicht zunimmt. Der erfahrene Nordseeurlauber weiß daher, dass die Monate Mai und Juni die schönste und beständigste Zeit an der See umfassen, die dann meist unter einem karibisch blauen Himmel liegt. In diesen herrlichen Vorsommer (Mai/Juni) schleicht sich jedoch bald eine weitere Gesetzmäßigkeit des Klimas ein. Das Festland erhitzt sich von Mitte Juni bis Ende August ungleich stärker als das Wasser, so dass große Gegensätze entstehen, die sich in der Entwicklung von monsunartigen Wetterlagen mit kurzen, kräftigen Regenfällen äußern. Von der See her weht meist ein sommerlicher Westwind, im Wechsel mit Gegenwinden vom Festland. Verbunden mit der Entwicklung von verschiedenen Wetterfronten, zum Beispiel über Südosteuropa, stellt sich dann an der Nordsee meist Anfang September der Spätsommer ein. Er zeichnet sich durch warme Herbsttage und geringe Niederschlagsneigung aus. Dieser Vorgang beschert dem Urlauber an der See in der Regel ein zweites Schönwettermaximum, das sich von Ende September bis in die zweite Oktoberhälfte erstreckt. Ab Mitte Oktober tritt der große Umschwung im zyklischen Wettergeschehen ein. Es beginnt eine Zeit der schweren Stürme, im Extremfall mit geringem, frühzeitigem Schneefall verbunden, darauf folgt Mitte November die Entwicklung eines Hochdruckgebietes. Ihm schließt sich dann die typische Wetterlage mit wärmerer Luft und Westwind bis in den Dezember hinein an, solange das Meerwasser noch relativ warm ist. Die aufgeführten jahreszeitlichen Wetterregeln sind in den vergangenen Jahren mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit abgelaufen. Jedoch möchte ich den jedem von uns bekannten Bauernspruch ergänzen: ,, Wenn der Hahn kräht auf den Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“
Indikation für einen Aufenthalt im Hochseeklima und deren natürliche Therapie
Krankheiten der Bronchien und der Lunge
Die Ursache dieser Erkrankungen kann verschiedenen Ursprungs sein. Bei der akuten und chronischen Bronchitis handelt es sich um eine Schleimhautentzündung, die durch Bakterien, Viren, Allergene, Nikotinmissbrauch oder auch durch Umweltgifte hervorgerufen werden kann. Jede akute Entzündung kann bei sachgemäßer Behandlung abklingen, aber auch in eine chronische Entzündung übergehen, die oft nur schwer therapierbar ist. Bei lang anhaltenden chronischen Prozessen können sich die Bronchien erweitern, Eitersäckchen entstehen mit begleitendem dauernden Husten und Auswurf und so später zu irreversiblen Verschlüssen mit erheblicher Einschränkung des Atemvolumens führen. Auch, und das sollte man nicht außer acht lassen, kann sich nach einfachen Infekten, zum Beispiel einer Grippeerkrankung unter Beteiligung der Luftwege, ein solcher Zustand bilden. Beim Lungenemphysem, meist alters- oder berufsbedingt, kommt es zu einem Weitstand des Brustkorbes mir geringer Atembeweglichkeit, in deren Folge sich schnell Bronchialinfekte bilden können. Trotz moderner Medikamente, Schleimlöser, Antibiotika, Bronchienerweiterer, Dosieraerosole und Kortikoide, mit denen man den Zustand meist rasch bessern und den chronischen Zustand lindern kann, ist bei diesen Erkrankungen die Heilwirkung des Meeres von großer Bedeutung, die der viele Einzelfaktoren (Bindegewebsmassagen, Klopfmassagen, Bürstenmassagen, Kneipp`sche Güsse, Meeressoleapparateinhalation, Rauminhalation, stimulierende wohltemperierte Meeressolbäder, Atemtherapie, autogenes Training und Entspannungstherapie nach Jakobsen) zusammenwirken, insbesondere aber die Einatmung der Aerosole der Meeresluft mit ihren hohen Gehalt an Kochsalz und Jod.
Wir unterscheiden drei verschiedene Klimazonen auf der Insel
In der Zone I., innerhalb der Stadt, im Dünen- und Waldbereich, herrscht ein mildes Klima. Hier treten nur geringe Reize für die Atemwege auf. Geringe Temperaturschwankungen lassen selten eine Auskühlung auftreten, es sei denn es ist besonders stürmisch
In der Zone II., im Bereich der Promenade, auf den Wegen von der Dünenkette zur Seeseite hin, treten mäßige Reizungen und Temperaturschwankungen auf. Der Salzgehalt der Luft entspricht nur in etwa der Hälfte des Salzgehaltes in der Brandungszone.
In der Zone III., am Strand und im Bereich der Meerwassersaums, findet sich die höchste Salzkonzentration, bis zu 1 mg Salz/m³ Luft. Hier treten die stärksten Reize und Temperaturschwankungen auf.
Im Rahmen ausgedehnter Spaziergänge im Bereich der Zone III., gesteigert bis zu eineinhalb Stunden pro Tag, sollte man die salzhaltigen Aerosole durch die Nase einatmen und den Mund ausatmen. Dabei sollte jedoch nicht direkt in den scharfen Wind hineingelaufen werden. Folgt der Urlauber diesen Anleitungen, so spürt er die extreme Reinheit der Luft, die keimtötende Wirkung des Meerwassers, seine Reize auf die Durchblutung der Schleimhäute und die Stärkung der allgemeinen Abwehrkräfte.
Erkrankung der Nase, des Rachens und Nebenhöhlen
Meeressoleapparateinhalationen, Rauminhalationen, Nasenspülungen mit Meerwasser, warme Meereswassersolbäder, Atemtherapie und systematische Abhärtungsmaßnahmen durch Kneipp`sche Güsse, in Verbindung mit den vorher genannten ausgedehnten Spaziergängen in der Brandungszone mit Steigerung des Kältereizes im Winter und den Seebädern im Sommer, bewirken eine deutliche Herabsetzung und Linderung der Beschwerden im Bereich der oberen Luftwege.
Allergien der Atemwege
Die Heilwirkung des Meeresklimas bei allergischen Erkrankungen der Atemwege ist eine klassische Domäne der Medizin auf den Nordseeinseln. Hierbei kann es sich um Reizhusten, Heuschnupfen, Fließschnupfen, Pollinosis oder Asthma bronchiale und deren Auswirkungen, wie Schwellung der Schleimhäute von Mund- und Rachenhöhle bis hin zur Atemnot, handeln. Wir kennen außerordentlich verschiedenartige allergische Prozesse, die derzeit deutlich zunehmen. Hier spielt die Qualität der Meeresluft eine bedeutende Rolle. Den Bewohnern der Nordseeinseln ist es geläufig, dass selbst in Wohnungen Gegenstände leicht rosten, ganz besonders an den seewärts gerichteten Hauswänden. Hierfür ist der hohe Salzgehalt der Luft verantwortlich. Zusätzlich ist der Jodgehalt der Luft gegenüber dem Binnenland auf den Inseln im Hochseeklima zirka zehnmal stärker. Zusammen mit dem hohen Kochsalzgehalt wirkt er schleimlösend auf die Atemwege. In der Nähe der Brandungszone ist die Meeresluft besonders staub-, keim- und allergenfrei und weist einen hohen Feuchtigkeitsgrad auf. Gegenüber der Festlandsluft bestehen deutliche Unterschiede bezüglich der Luftqualität auf den Inseln mit Hochseeklima; denn zahlreiche Noxen wie Emissionen der Schwerindustrie, focierte Autoabgase, Bakterien, Viren und Allergene von Pflanzen entfallen weitgehend. Die Definition der Therapie der Allergien, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation, lautet: Ein optimales Therapieziel ist erreicht, wenn der Patient sich von den Allergenen fernhält, auf die sein Organismus allergisch reagiert. Theoretisch möglich, aber praktisch kaum durchführbar.
Hauterkrankungen
Bedingt durch die soziale-, physische- und psychische Belastung der Menschen im Alltag haben die Hauterkrankungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Hierzu gehören unter anderen naturgemäß Hauterkrankungen allergischer Entstehung, Ekzeme, Berufsekzeme, Psoriasis, Neurodermitis und Lichtdermatosen. Es können in diesem Zusammenhang noch eine Vielzahl von weiteren Krankheitsbildern und Entstehungsursachen aufgezählt werden. Seit zirka sechzig Jahren werden Hauterkrankungen mit teilweise großem Erfolg, besonders im starken Reizklima auf den Nordseeinseln behandelt. Auch hier wirken sich die vielfältigen Heilmöglichkeiten auf die Haut aus: der unmittelbare Meerwassereffekt im Sommer, die Stimulierung der Haut durch Seebäder, Schlickvollbäder, Meeressolekleiebäder, die allergenfreie Luft, die Aerosoltherapie, die ärztlich gezielt verordneten Bestrahlungen mit künstlichem ,,UVA/UVB“ Licht in Verbindung mit Meeressolekleiebädern, beziehungsweise Schlickvollbädern und die diätetische Beratung und deren strikte Befolgung. Bezüglich des Aufenthaltes im Sommer im Bereich des Strandes und des Meeressaumes sei anzumerken, dass der Urlauber, der sich das ganze Jahr hindurch auf Meer und Sonne freut, nicht selten den Fehler begeht, sich in den ersten Urlaubstagen zu lange in der Sonne aufzuhalten. Die Folge sind leichte und manchmal auch schwere Sonnenbrände. Häufig berichten die Betroffenen, dass sie durch den relativ frischen Wind überhaupt nicht das Gefühl gehabt haben, dass die Haut warm geworden oder sogar verbrannt worden sei. Hier hilft nur eine ausreichende wasserfeste, konservierungsstofffreie Creme, beziehungsweise Lotion mit hohem Lichtschutzfaktor und ein vernünftiges persönliches Verhalten. Eine besondere Form der Lichtüberempfindlichkeit, die als Sonnenallergie oder im medizinischen Sprachgebrauch als polymorphe Lichtdermatose bezeichnet wird, vergällt immer häufiger Urlaubern das Sonnenbaden. Im Gegensatz zum Sonnenbrand tritt die Sonnenallergie nicht gleich auf, sondern entwickelt sich meist erst einige Tage später. Einmal aufgetreten, bildet sich die Sonnenallergie bei einem Teil der Feriengäste in den nächsten Tagen trotz fortgesetzter Lichteinwirkung wieder zurück, während bei einem geringen Teil ständige Ausdehnung und Schwere der Beschwerden zunehmen. Hier ist eine Beratung durch einen Arzt dringend angezeigt.
Frauenkrankheiten
An erster Stelle der Indikationen steht die chronische Eierstock- und Eileiterentzündung. Hier wirkt der warme Nordseeschlick mit seinen durchblutungsfördernden Eigenschaften ausgezeichnet. Insbesondere, wenn er mit warmen Meereswassersolbädern kombiniert wird. Dem Schlick wird ein besserer Wirkungsgrad als den Moor-, Schlamm-, beziehungsweise Paraffinpackungen zugeschrieben. Beim Schlick spielt nicht nur die Wärme, sondern auch der Austausch von Mineralien und Körperflüssigkeiten eine große Rolle. Auch die schmerzhafte Periode, häufig mit starken Unterleibskrämpfen verbunden, lässt sich auf diese Art mit Erfolg behandeln. Die Beschwerden werden dabei deutlich gelindert. Zu dieser Thematik fand eine umfangreiche Studie an der Technischen Hochschule der Universität Aachen im Bereich der Fakultät Gynäkologie statt. In der Literatur sind bei Magnesiummangel jahrelang anhaltende Unfruchtbarkeit bei jungen Frauen beschrieben worden, weil durch schwere Krämpfe der Eileiter eine Befruchtung auf Dauer unmöglich gemacht wurde. Hierbei spielt die Meerwassertrinkkur neuerdings eine große therapeutische Rolle. Die Meerwassertrinkkur gehört auf den Nordseeinseln zum Bestandteil vieler Meeresheilkuren. Sie wurden erstmals im Jahre 1937 in Borkum mit der Einrichtung einer Meerwassertrinkkurhalle angewandt. Man kann den Erfolg ihrer Wirkung isoliert betrachten, oder aber auch als Baustein im Rahmen aller an der See wirkenden Heilkräfte ( Klima, Seebäder, Seeluft, balneophysikalische Therapie, Reaktionen auf Ortswechsel usw. ). Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass das Meerwasser in seiner ihm eigenen Zusammensetzung in großen Teilen derjenigen des Blutserums ähnlich ist oder zumindest dessen wesentliche Bestandteile enthält, wie Natrium, Chlorid, Kalium, Magnesium und Kalzium. Für Trinkzwecke wird das Wasser aus einer vom Polarmeer kommenden kalten Strömung in geeigneter Tiefe gewonnen und ist nachweislich von höchstem Reinheitsgrad. Ferner hat man festgestellt, dass das Meerwasser eine keimtötende Wirkung besitzt. Die altbekannte, stark heilungsfördernde Wirkung von Meerwasser bei schlecht heilenden, teilweise infizierten Wunden lässt sich so zum Teil erklären, obwohl dies wissenschaftlich bislang nicht nachgewiesen wurde. Die Meerwassertrinkkuren sollten wie folgt durchgeführt werden: Es empfiehlt sich Meerwasser mit normalen Trinkwasser oder mit Säften im Verhältnis 1:3 zu verdünnen. Die Trinkempfehlungen sehen maximal 100 ml Meerwasser täglich vor, die auf 3 bis 4 Portionen verteilt werden. In diesen Mengen zu sich genommen bedeutet es, dass eine zusätzliche Kochsalzaufnahme von 2,7 g erfolgt. Gegenanzeigen sind daher alle krankhaften Wasseransammlungen in Folge von Herzkrankheiten, Bluthochdruck, ausgeprägte Nierenerkrankungen und Migräne.
Kinderkrankheiten
Die chronisch gehäuften Katarrhe der Luftwege gehören zu den häufigsten und klassischen Kinderkrankheiten, die im Hochseeklima behandelt werden und besonders gut auf die Klimaveränderung ansprechen. Hier ist die Therapie der Wahl die Klimakur im Bereich der drei Klimazonen. Die Dauer des Aufenthaltes in den verschiedenen Bereichen der Klimazonen sollte unter der Berücksichtigung der Jahreszeiten mit der behandelnden Kurärztin oder dem behandelnden Kurarzt individuell, unter der Berücksichtigung des Krankheitsbildes, besprochen werden. Da solche Krankheiten oft schon lange bestehen, kommen die Kinder meist in einem schlechten Gesundheitszustand an die See, wo sie am besten mehrwöchig, zumindest wiederholt über drei Jahre hinweg behandelt werden sollten. Naturgemäß gehören zum Behandlungsspektrum auch all jene Erkrankungen, wie rezidivierende Erkrankungen der oberen Atemwege, chronische Bronchitis, Asthma bronchiale, allergische Erkrankungen der Atemwege, Neurodermitis, allergische Hauterkrankungen, Rekonvaleszenz und vorbeugende Abhärtungsmaßnahmen.
Schilddrüsenerkrankungen
Bei den Bewohnern der Nordseeinseln beobachtet man sehr selten eine Schilddrüsenerkrankung, weder Über- noch Unterfunktion oder einen Kropf. Soweit es den Kropf betrifft, der normalerweise ohne Überfunktion der Schilddrüse einhergeht, führt man seine Bildung, besonders in den jodarmen Gegenden des Schwarzwaldes oder des Alpenvorlandes, auf eine unzureichende Jodaufnahme zurück. Ob dies der einzige Grund ist, kann bis heute noch nicht mit Sicherheit behauptet werden. Tatsache jedoch ist, dass auf Grund des hohen Jodgehaltes der Luft, der auch zu einer Jodanreicherung der Böden und der auf ihnen gewonnenen Nahrungsmitteln, sowie des Jodgehaltes des Meeres an der gesamten Nordseeküste, so gut wie kein Kropf vorkommt. Die Unterfunktion der Schilddrüse an der See mit Erfolg behandeln zu können, beruht entscheidend auf der Möglichkeit einer allgemeinen Stoffwechselsteigerung, einer stärkeren Durchblutung der Organe und der Stimulierung des vegetativen Nervensystems. Bei Unterfunktionen der Schilddrüse kann die medikamentöse Substitution bei auftretender Nervosität, innerer Unruhe, Zitter, usw. unter ärztlicher Aufsicht reduziert werden. Eine bestehende Überfunktion dürfte nur schwerlich an der See zu behandeln sein, weil sie einen gesteigerten Stoffwechsel bewirkt und die Symptome der Überfunktion noch verstärkt würden. Deshalb ist für Patienten mit diesem Krankheitsbild ein Aufenthalt auf den Nordseeinseln nicht angezeigt.
Vegetative Dystonie
Über viele Jahre hinweg hat man Patienten mit vegetativer Dystonie davor gewarnt, an die Nordsee, besonders aber in das Hochseeklima zu reisen. Unser Nervensystem wird in ein animales und ein vegetatives Nervensystem eingeteilt. Das animale Nervensystem mit bewussten Empfindungen dient der Möglichkeit gezielte Bewegungen durchzuführen ( gehen, laufen usw. ); das vegetative Nervensystem hingegen ist nicht dem Willen unterworfen. Es steuert die rein vegetativen Organfunktionen zum Beispiel des Herzmuskels, der Drüsen, der Eingeweide nebst Verdauung sowie die Organe des Stoffwechsels. Insbesondere können psychische Zustände wie Angst, Freude, Trauer, Schmerz usw. das Vegetativum erheblich beeinflussen, so dass Reaktionen wie Zittern, Erhöhung der Herzfrequenz, Erröten, Weinen usw. auftreten können. Hier kommt es im Reizklima nach 2 bis 4 Tagen zu einer Normalisierung der körperlichen Regelsysteme. Aus diesem Grunde bringt ein Aufenthalt an der Nordsee im Hochseeklima unter Hinzuziehung der balneophysikalischen Therapie, autogenes Training, Entspannungstherapie, Meeressolebaldrianbäder und Meereswassertrinkkur, eine Besserung, beziehungsweise Linderung der Beschwerden.
Wirkungsweise der balneophysikalischen Therapie
Meereswasserbäder
Das Meereswasserbad führt über die Gefäßerweiterung und erhöhtem Flüssigkeitsaustausch zur Senkung des Blutdruckes. Durch die Erhöhung des Druckes im Bereich des Unterbauches kommt es zur Verbesserung der Ventilation und Perfusion im Lungenbereich. Ferner erfolgt eine Reinigung und Abschuppung der oberen Hautschicht. Im Bewegungsbad wird das nervale und muskuläre System aktiviert. Die Beweglichkeit nimmt zu, die Grundmuskelspannung ab. Hautempfindungen und Körperwahrnehmung werden positiv verändert und der verstärkte Auftrieb des Salzwassers ermöglicht ein gezieltes muskuläres Training.
Meeressoleapparateinhalationen
Aerosole mit Sole und teilweise mit Zusätzen werden dem Patienten durch Verdampferdüsen und Ultraschallverneblern verabreicht. Die Soleinhalation wirkt keimtötend, durchblutungsfördernd, regenerierend und schleimlösend. Ergänzend sollte der Patient nicht vergessen, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, im Schnitt 2 bis 3 Liter pro Tag.
Bindegewebsmassagen
Bindegewebsmassagen wirken als Reflexzonenmassagen über die Hautareale des Körperstammes auf das vegetative Nervensystems. Über die Hautempfindungen und die ausgelösten muskulären Reflexe kommt es zu einer Entspannung der Bronchien, zur besseren Durchblutung und Verbesserung des Atemvolumens.
Klassische Massage
Die klassische Massage oder auch H-Massage wird bei Patienten mit stark erhöhtem Muskeltonus durchgeführt. Hierdurch wird eine Herabsetzung des Muskeltonus und Linderung vieler Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule erreicht. Die Massage wird meistens in Verbindung mit warmen Schlickpackungen angewandt. Hier streiten sich die Gelehrten, ob die Schlickpackungen vor oder nach der klassischen Massage gegeben werden sollte. Ich persönlich bin der Meinung, diese Prozedur individuell mit dem Patienten abzustimmen.
Klopf- und Bürstenmassage
Zielgruppe sind die Atemwegspatienten mit vermehrter Sekretion. Durch die Anwendungen kommt es zur vermehrten Durchblutung, Sekretion und Mobilisation von eingelagertem Sekret. Auch hierbei sollte der Patient für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sorgen.
Kneipp`sche Güsse
Durch gezielte Temperaturreize, dem Patienten individuell angepaßt in Stärke, Dauer und Temperatur, kommt es zu einer erhöhten Blutzirkulation, intensiver Stoffwechselaktivität, einer positiven Beeinflussung des Vegetativums und zur Stärkung des Immunsystems.
Schlickpackungen
Die Schlickpackungen bewirken bei dem Patienten eine Anregung des Stoffwechsels, Entwässerung, Förderung der Durchblutung und Austausch von Mineralien.
Indikationen und Kontraindikationen für einen Aufenthalt im Hochseeklima
Indikationen
· Erkrankungen der Luftwege
· allergische Erkrankungen
· Hauterkrankungen
· vegetative Dystonie
· Vorbeugungs- und Abhärtungskuren
· Rekonvaleszenz
Kontraindikationen
· offene und ausscheidende Tuberkulose
· akute feuchte Rippenfellentzündung
· schwere entzündliche Erkrankung der Nieren und Harnwege
· schwerste Herz- und Kreislauferkrankungen
· ausgeprägte Gemütserkrankungen
· Schilddrüsenüberfunktion
Ziel dieser Abhandlung soll es sein, Ihnen einen Überblick über die naturgegebenen Heilmittel der Nordseeinsel Borkum zu geben, ohne dass ich mich auf Vollständigkeit berufen möchte.
Copyright: Dr. med. Klaus Brockötter, Hindenburgstraße 4, 26757 Nordseebad Borkum Telefon 04922 / 93920, Fax 04922 / 939217 Alle Rechte, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil der Abhandlung darf in irgendeiner Form ( durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren ) ohne schriftliche Genehmigung des Verfassers reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden, vervielfältigt oder verbreitet werden.
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